Kinder mit Lebererkrankungen

Hepatitis B

Virusübertragung

Die HBV-Infektion eines Neugeborenen durch die bereits infizierte Mutter bezeichnet man als perinatale Übertragung. Dieses ist der wichtigste Übertragungsweg für die Hepatitis B in Regionen, in denen sie besonders häufig vorkommt. Die Neugeborenen werden entweder unter der Geburt oder in den ersten Lebensmonaten infiziert, wenn sie einer Reihe von mütterlichen Körperflüssigkeiten und Sekreten ausgesetzt sind. Eine Infektion über Muttermilch wird kontrovers diskutiert, ist aber nicht bewiesen.
Bei einer perinatalen Infektion mit dem Virus kommt es in 90% der Fälle zu einem chronischen Trägertum - während dies bei Infektionen im Erwachsenenalter nur in bis zu 10% der Fälle geschieht. Man vermutet, daß die Unreife des Immunsystems der Neugeborenen für die Toleranz gegenüber dem Virus und die Unfähigkeit zur Viruselimination verantwortlich ist.

Da eine Infektion des Kindes über die Mutter in der Regel erst mit der Geburt erfolgt, kann das Kind durch eine sofortige Immunprophylaxe (aktive und passive Immunisierung) mit großer Wahrscheinlichkeit geschützt werden. Dies ist insbesondere bei Müttern notwendig, bei denen nicht nur HBsAg(Hepatitis-B-Surface-Antigen), sondern auch HBeAG(Hepatitis-B-e-Antigen) nachweisbar ist. Bei diesem Personenkreis (sogenannter hoch infektiöser Trägerstatus) werden Kinder zu etwa 90% bei der Geburt infiziert, und zwar unabhängig davon, ob die Mutter Symptome einer Hepatitis aufweist oder nicht.

Die Vorsorge gegen eine Infektion des Kindes ist unbedingt notwendig, da zwischen dem 2. und 5. Lebensmonat immer wieder fulminante Krankheitsverläufe auftreten können, die zumeist tödlich enden.

Doch nicht nur Säuglinge sind gefährdet. Ebenso entstehen Situationen, in denen sich Kinder anstecken können, nicht erst mit dem Eintritt in die Pubertät. Wie Untersuchungen in der jüngeren Vergangenheit gezeigt haben, könnten bereits im Kindergarten häufiger als vermutet Bagatellverletzungen zu einer Infektion führen. Auch durch Fernreisen mit Kindern in Urlaubsländer mit hohen Durchseuchungsraten wird das Risiko einer Ansteckung mit Hepatitis B größer.

Therapie

In Kenntnis der bekannten Komplikationsmöglichkeiten der chronischen Hepatitis B und nach guten Erfahrungen mit Erwachsenen wurde vor wenigen Jahren die Behandlung mit Interferon-alpha auch im Kindesalter begonnen.

Insgesamt wird die Therapie von Kindern gut vertragen. Die Nebenwirkungen sind nach Angaben von Wirth (1996) dosisabhängig und beschränken sich meistens auf Fieber. Bei älteren Kindern konnte auch Appetitlosigkeit, leichte Leistungseinschränkungen sowie ein mäßiger Abfall von Leukozyten und Thrombozyten beobachtet werden. In Einzelfällen führte dies zu einer Reduktion der Behandlungsdosis.

Da die Indikationsstellung für die Behandlung von Kindern, die an einer chronischen Hepatitis B erkrankt sind, mit Interferon Alpha noch nicht einheitlich beurteilt wird, sollte sie daher von erfahrenen Zentren durchgeführt werden.

Das vermehrte Auftreten von Hepatitis B kann bei Kindern und Jugendlichen durch eine rechtzeitige Impfung vorgebeugt werden. Die Hepatitis-B-Impfung besteht aus drei Impfungen und ist sehr gut verträglich. Erst 1996 haben sich die deutschen Gesundheitsbehörden trotz leerer Kassen dazu entschlossen, die Hepatitis-B-Schutzimpfungen für alle Kinder im Alter ab 3 Monate und für alle Jugendlichen ab dem Alter von 13 Jahren an zu empfehlen. Denn auch bei Kleinkindern im Alter von 2-3 Jahren ist im Falle einer Infektion mit Hepatitis B mit einer hohen Chronifizierungsrate in Höhe von 40-70% zu rechnen. Bei Vorschulkindern im Alter von 4-6 Jahren sinkt diese Rate dann auf 10-40%, und erst mit dem Schulalter nähert sich die Chronifizierungsrate allmählich der der Erwachsenen (5-10%).

Eine Infektion im Kindergarten-, Vorschul- und Schulalter kann insofern problematisch sein, als die meisten Erkrankungen mit Hepatitis B unbemerkt verlaufen, da in höchstens 30% der Infektionsfälle bei Kindern klinische Symptome auftreten. Wichtig zu wissen, daß bei Kindern der Typus chronisch-aggressiver Verläufe überwiegt, weshalb die Hepatitis B als ernste Gefahr insbesondere für betroffene Kinder zu sehen ist. Fulminante, also schwere und vielfach tödliche Verläufe, wie sie bei Säuglingen vorkommen, sind im Kindesalter eher selten. Allerdings besteht aufgrund des vielfach chronisch-aggressiven Verlaufs ein nicht zu unterschätzendes Risiko einer frühzeitigen Entwicklung einer Leberzirrhose (Leberzirrhosehäufigkeit bei Kindern mit Hepatitis B nach verschiedenen Untersuchungen zwischen 3,2 und 32%!).

Quelle:
Wirth, S.: Chronische Hepatitis B, D und C im Kindesalter. In: Verdauungskrankheiten, Jahrgang 14, Hr. 1/1996, S. 22-27

Wilfried Henseler/ Wolfgang Huge, Deutsche Leberhilfe e.V.m, Grönenberger Str. 42, 49324 Melle

Überarbeitet von Dr. Thomas Lang Friedrich-Alexander-Universität, Erlangen

Stand: 2004