Primär Biliäre Leberzirrhose (PBC)

Die Primär Biliäre Leberzirrhose (primary biliary cirrhosis) ist eine chronische Lebererkrankung, die zu einer langsam voranschreitenden Zerstörung der kleinen Gallengänge in der Leber und schließlich zur Leberzirrhose führt.

Ursachen
Die eigentliche Ursache der PBC ist nach wie vor unbekannt. Die gängigste Theorie besagt jedoch, dass die PBC Folge einer fehlerhaften Reaktion des körpereigenen Abwehrsystems (Immunsystem) ist. Das Immunsystem, das eigentlich gedacht ist, den Körper vor Infektionen zu schützen, greift bei der PBC die Leber an. So kommt es zu einer langsam fortschreitenden Zerstörung der kleinen Kanäle, durch die die Galle von der Leber zur Gallenblase und zum Dünndarm fließt. Galle und andere von der Leber gebildete Substanzen lagern sich nun in diesen Kanälen ab und führen zu deren Verstopfung. Die Folge ist das weitere Schädigung der Leber. Schließlich kommt es zu ihrer Vernarbung (Zirrhose), Umgang zum Bindewebe. Bis zu diesem Stadium vergehen aber meistens viele Jahre. Im Frühstadium der PBC steht dagegen eine Leberentzündung rund um die zerstörten Gallenwege ganz im Vordergrund. Wenn auch die genaue Ursache der PBC nicht bekannt ist, so weiß man doch ganz sicher. Die PBC ist nicht ansteckend. Sie wird nicht durch Alkoholmissbrauch hervorgerufen

 

Symptomatik und Verlauf
Im Anfangsstadium der PBC variieren die Symptome sehr stark. Viele Betroffene zeigen über mehr als 10 Jahre überhaupt keine Anzeichen. Erste Hinweise auf eine Lebererkrankung werden dann meist zufällig im Rahmen einer routinemäßigen Untersuchung mittels Bluttests entdeckt Die folgenden Symptome können einzeln oder in allen möglichen Kombinationen auftreten:


Die Leber leidet still, d.h. sie schmerzt nicht; wenn sie aber erkrankt ist, kann der gesamte Körper betroffen sein. Deshalb können mit Fortschreiten der PBC noch weitere Symptome auftreten:

Das Fortschreiten der PBC variiert ebenfalls sehr von Patient zu Patient. Viele Erkrankte können über 10 bis 20 Jahre ein aktives und fast normales Leben mit wenigen Symptomen und Beschwerden führen. Bei anderen jedoch schreitet die PBC schneller voran, und ein Leberversagen stellt sich in nur wenigen Jahren ein. Wie bei vielen chronischen Erkrankungen kann der Arzt auch bei der PBC nur bedingt Aussagen darüber treffen, welche Patienten die beste und welche die schlechteste Prognose haben. Aber selbst bei einem schnellen Krankheitsverlauf und schlechter Prognose besteht angesichts der heute möglichen Lebertransplantation kein Grund zum Verzweifeln.
Wenn der Arzt eine PBC vermutet, wird er den Patienten üblicherweise an einen Leberspezialisten (Gastroenterologe, Hepatologe) überweisen.

Die PBC wird heute in vier Stadien (Stadium I - IV) unterteilt.

Stadium I:

In diesem Stadium sind die entzündlichen Veränderungen auf die Gallengänge und das sie umgebende Bindegewebe beschränkt (nicht eitrige Gallengangszerstörung).

Stadium II:

Da zahlreiche Gallengänge zerstört sind, bilden sich zum Ausgleich neue Gänge (Gallengangsproliferation). Die entzündlichen Veränderungen im umgebenden Bindegewebe sind dicht und greifen jetzt auch auf das benachbarte Lebergewebe über.

Stadium III:

Mehr und mehr Gallengänge sind jetzt zerstört (Verarmung an Gallengängen). Das angrenzende Lebergewebe ist zunehmend entzündlich verändert, und als Ausdruck der beginnenden Zirrhose tritt vermehrt Bindegewebe auf. Die Leber vernarbt.

Stadium IV:

Das Bindegewebe nimmt zu und zerteilt das Lebergewebe in unterschiedlich große Bezirke. Die Zahl der Gallengänge hat weiter stark abgenommen, desgleichen die Entzündung im umgebenden Bindegewebe. Jetzt liegt das Vollbild einer Leberzirrhose (PBC) vor. Die Leberfunktion (Bildung von Eiweiß, Blutgerinnungsstoffen u.a. wichtigen Verbindungen) lässt nach.

Diagnose

Die Diagnose einer PBC erfolgt dann im allgemeinen mit speziellen Bluttests zusammen mit der Entnahme einer Lebergewebeprobe (Leberbiopsie). Eine Leberbiopsie ist ein Eingriff, bei dem unter örtlicher Betäubung eine kleine Nadel in die Leber gestochen wird, um eine Gewebeprobe zu entnehmen. Dieser Eingriff geht schnell und verursacht keine Schmerzen. Die Untersuchung der Gewebeprobe ermöglicht neben der Diagnose der PBC auch Aussagen über Schwere und Ausmaß der Erkrankung. Unter den Blutwerten sind besonders die Alkalische Phosphatase (AP), die Gamma-GT, die Cholesterin- und Phosphatid-Werte ("Fette") und die Transaminasen (eigentliche Leberwerte) wichtig. Daneben kommt dem Bluttest auf Abwehrstoffe (Antikörper) gegen Mitochondrien (Zellbestandteile) eine besondere Bedeutung zu: Dieser Test fällt bei 90% der PBC-Patienten positiv aus. Der Arzt hat darüber hinaus noch die Möglichkeit, die Gallengänge zu röntgen oder endoskopische Untersuchungsmethoden (v. a. die sogenannte ERCP) einzusetzen, bei denen er die großen Gallenwege direkt darstellen kann. Auf diese Weise können andere Gallenwegserkrankungen, wie z. B. Verschlüsse der Gallenkanäle, ausgeschlossen werden. Schließlich kann der Arzt auch den Einsatz einer nuklearmedizinschen Untersuchung (Scan) der Leber in Betracht ziehen.

Vorkommen

An PBC erkranken vor allem Frauen zwischen dem 40. und 60. Lebensjahr. Außerhalb dieser Altersgruppe kann die Erkrankung aber auch auftreten; ebenso können Männer betroffen sein. Das Verhältnis erkrankter Männer zu erkrankten Frauen beträgt jedoch 1:10.
Die PBC wird nicht vererbt - dennoch lässt sich in einigen Familien eine Krankheitsbereitschaft (Prädisposition) für diese Erkrankung beobachten. Über die Häufigkeit der PBC liegen keine verlässlichen Angaben vor; es wird geschätzt, dass in der Bundesrepublik etwa 5.000-10.000 Menschen an PBC erkrankt sind.

 

Therapie

Bis heute gibt es keine bekannte ursächliche Behandlung der PBC. Jedoch können viele der Symptome gelindert werden. Ebenso können mögliche Komplikationen eines Leberversagens therapeutisch angegangen werden. Von den eingesetzten Medikamenten hat sich bis heute die Ursodesoxycholsäure am meisten bewährt. Dieses Medikament ist derzeit das Mittel der Wahl in der Behandlung der PBC. Bei vielen Patienten führt es zu einer Abnahme des quälenden Juckreizes und zu einer Besserung der Leberwerte. Ebenso scheint es sich positiv auf die Gewebeveränderungen in der Leber auszuwirken. Das häufig sehr starke Hautjucken kann darüberhinaus durch Cholestyramin vermindert werden. Dieses Medikament wird nicht aus dem Darm in den Körper aufgenommen, bindet aber die Substanzen (u. a. Gallensäuren), die das Jucken verursachen. Knochenerweichungen und Knochenabbau können mit Vitamin D und Calcium behandelt werden. Gegen die Blutungsneigung hilft häufig die Gabe von Vitamin K. Das bereits erwähnte Cholestyramin trägt auch dazu bei, den Fettspiegel im Blut wieder, zu normalisieren. Da die Fettverdauung im ganzen gestört ist, wird der Arzt regelmäßig fettlösliche Vitamine verabreichen.

Dagegen hat sich die Behandlung mit Kortikosteroiden als nicht wirksam herausgestellt. Ebenso wurde Penicillamin ohne Erfolg getestet. Medikamente, die von anderen Ärzten verschrieben werden, sollten nur nach Rücksprache mit dem Spezialisten (Facharzt) eingenommen werden. Dieses gilt auch für Schmerztabletten und frei erhältliche "Vitaminpräparate". Die Leber ist das wichtigste Organ für den Ab- und Umbau (Verstoffwechselung) von Tabletten und Medikamenten; deshalb kann jede Einnahme, die nicht ärztlich kontrolliert wird, zu ernsten Komplikationen führen. Dasselbe gilt natürlich auch für Alkohol, der ja bekanntlich ebenfalls über die Leber abgebaut werden muss. Für Patienten mit einer PBC ist es sehr wichtig, neben ausreichender Ruhe und Entspannung auch für eine gesunde Ernährung zu sorgen. Dieses gilt besonders dann, wenn das Medikament Cholestyramin eingenommen wird oder die Leberzirrhose bereits weit fortgeschritten ist. Dann kann eine spezielle Diät mit Salz- und Eiweißbeschränkung erforderlich sein. Im allgemeinen sind solche Einschränkungen im Ernährungsfahrplan aber nicht notwendig.

Wenn die PBC durch die medikamentöse Behandlung und bestimmte Verhaltensregeln nicht mehr länger unter Kontrolle zu halten ist und ein Leberversagen droht, besteht heute die Möglichkeit einer Lebertransplantation. Als Anzeichen einer zunehmenden Leberschädigung sind die Ansammlung von Flüssigkeit in der Bauchhöhle (Bauchwassersucht, Aszites), Unterernährung, Blutungen im Magen-Darm-Kanal, unbeherrschbarer Juckreiz und Knochenbrüche aufzufassen. Bevor alle diese Komplikationen eintreten, wird heutzutage eine Lebertransplantation empfohlen. Die bisherigen Ergebnisse eines solchen Eingriffes bei PBC-Patienten sind sehr gut und vielversprechend: Die Überlebensrate für 2 oder mehr Jahre nach erfolgter Transplantation beträgt etwa 60-80%. Der Einsatz neuer Medikamente (v. a. Cyclosporin), die die Abstoßungsreaktion zu unterdrücken vermögen, haben die Erfolgsaussichten der Lebertransplantation wesentlich vergrößert. Der langsame Krankheitsverlauf der PBC erlaubt es darüberhinaus, den Zeitpunkt für die Lebertransplantation gut zu planen und vorzubereiten.

 

Psychologische Aspekte

Im Anfangsstadium der PBC können die Symptome und Beschwerden vage und nur vorübergehend sein. Häufig werden die Betroffenen dann in der Familie oder am Arbeitsplatz nicht ernstgenommen und ihre Beschwerden als - im negativen Sinne - "psychosomatisch bedingt" angesehen: "Deine Krankheit ist nur in Deinem Kopf oder "Das bildest Du Dir ein" sind typische Äußerungen gegenüber einem PBC-Patienten im Anfangsstadium seiner Erkrankung. Der Umstand, mit den empfundenen Symptomen nicht ernstgenommen zu werden, kann gerade in dieser frühen Phase eine große zusätzliche Belastung für den Erkrankten darstellen. Aber auch die Gewissheit, eine unheilbare, fortschreitende Erkrankung zu haben, kann für den Patienten und seine Familie zu einem großen Problem werden. Daher ist es erforderlich, dass Arzt und Patient, basierend auf gegenseitigem Vertrauen, ein gutes Arbeitsverhältnis aufbauen. Denn gerade die Aufklärung des Patienten, seiner Familie und Freunde über PBC ermöglicht den Umgang mit der Erkrankung und den aus ihr resultierenden Fragen, Problemen und Ängsten. Die Grundlage für eine gemeinsame Krankheitsbewältigung kann somit gelegt werden. Für die meisten Patienten mit einer PBC sollte es keine Beschränkungen in ihren Aktivitäten - zumindest für eine lange Zeit nach der Diagnosestellung - geben. Für den PBC-Patienten ist es wichtig, dieses zu erkennen und sich nicht durch seine Erkrankung lähmen zu lassen.

Quelle: Prof. U. Leuschner Zentrum für Innere Medizin Medizinische Klinik Klinikum der Universität Theodor-Stern-Kai 7 60590 Frankfurt am Main

Stand: 2004